Um zukünftige Strategien im Tourismussektor zu entwickeln, müssen nicht nur die klimatischen Veränderungen, sondern auch die Verschiebungen auf der Nachfrageseite der Touristen berücksichtigt werden.
Im KUNTIKUM-Projekt wurde hierzu eine Touristenbefragung durchgeführt, deren Ergebnisse für die Nordsee und den Schwarzwald ausgewertet wurden. Darüber hinaus wurden in einer Literaturrecherche weitere, allgemeine Tourismustrends identifiziert:
Zusammenfassung Tourismustrends:
1. An- und Abreise – Mobilität per Pkw und Flugzeug
2005 wurden Urlaubsreisen ab einer Dauer von 5 Tagen von den Deutschen zu 53% mit dem Pkw, zu einem Drittel mit dem Flugzeug unternommen. Bus (7%) und Bahn (6%) nahmen die hinteren Plätze ein. Als zukünftige Tendenz wird eine ansteigende Nachfrage der Flug- und Busreisen erwartet. Eine Verbesserung der Mobilitätsmöglichkeiten wird trotz technischer Optimierungen bei einer weiterführenden Verbrennung fossiler Brennstoffe zu verstärkten Emissionen von Treibhausgasen beitragen. Andererseits werden weiter steigende Treibstoffkosten bzw. die Einführung des Emissionshandels bei Fluggesellschaften auch zu einem veränderten Reiseverhalten führen.
2. Reisehäufigkeit – Zunahme der Kurzreisen
65% der Deutschen haben 2006 eine Urlaubsreise von mind. 5 Tagen Dauer unternommen, wobei auf einen Reisenden im Durchschnitt 1,33 Reisen kommen. Auf das Jahr verteilt lässt sich eine Konzentrierung auf die Sommermonate als Reisezeit beobachten. Während im Sommer über die Hälfte (54,7%) der Deutschen ihren Urlaub antreten, fahren jeweils im Frühjahr und Herbst ca. 20% in den Urlaub (Frühjahr: 19,5%, Herbst 21,1 %) und im Winter lediglich 4,5% (Stand 2005). Ein Trend einer Zunahme der Anzahl der Kurzreisen (2-4 Tage) ist zu verzeichnen, welches durch die dadurch ansteigende Mobilität den Treibhauseffekt noch verstärkt. Der Reiserhythmus wird individualisiert, Zweit- und Drittreisen werden eher in die Vor- und Nachsaison gelegt. Diese Entwicklung könnte sich bei einer Verlängerung der Sommersaison durch die globale Klimaerwärmung noch verstärken.
3. Reiseziele – Veränderung der Reiseziele ungewiss
Die Reiseziele der deutschen Bevölkerung gehen zu ca. ein Drittel (32,1%) ins Inland, ein weiteres Drittel fährt ans Mittelmeer und die restlichen langen Urlaubsreisen sind zu 6,7% Fernreisen sowie andere europäische Ziele. Kurzreisen werden zu 76,5% in Deutschland unternommen. Die beliebtesten Reiseziele in Deutschland stellen besonders die Alpen, Küsten- und Mittelgebirgsregionen dar, also die Bundesländer Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Baden-Württemberg. Die Übernachtungszahlen in Deutschland stagnieren, auch an der Nordsee und im Schwarzwald. Potential liegt im steigenden Anteil ausländischer Besucher. Erwartet wird die Entwicklung der neuen EU-Staaten Osteuropas. Eine Literaturanalyse über die Verschiebung der Reiseströme (z.B. der deutschen Mittelmeerurlauber hin zu Urlaub im eigenen Land) zeigt, dass eine räumliche aber ebenso zeitliche Verschiebung möglich ist und hier weitere Daten für eine Vorhersage nötig sind.
4. Urlaubserwartungen, Reiseart – Kultur- und Qualitätstourismus als Möglichkeit
Deutsche Urlauber legen einen hohen Stellenwert auf Sicherheit, Gesundheit, Komfort und Entspannung und Erholung. Ein Teil bevorzugt Bildung, Besichtigungen und Städtereisen. Rundreisen werden gerne genutzt. Auch die soziale Komponente wie Zeit füreinander haben oder das gemeinsame Erlebnis mit der Familie spielt eine große Rolle. Der Badeurlaub liegt bei den Deutschen immer noch oben auf der Hitliste. Aber auch Städtereisen, kulturelle Sehenswürdigkeiten und Ereignisse und Rundreisen werden gerne unternommen. An dritter Stelle folgen der Aufenthalt auf dem Land oder in den Bergen sowie anschließend der Gesundheitsurlaub. Die Bedürfnisse der Urlauber werden zukünftig auf mehr Qualität ausgerichtet sein, wobei das Preis-Leistungs-Verhältnis an Bedeutung gewinnt. So sind bei der Implementierung von Mitigations- und Adaptionsstrategien an den Klimawandel die Anforderungen der Touristen zu berücksichtigen. Gewünscht werden verstärkt saubere Naturlandschaft und gute Luftqualität, eine Auseinandersetzung mit den bereisten Völkern sowie auf der anderen Seite Erholung, Vergnügen, Gemeinschaft und Selbsterfahrung. Angebote müssen aus individuell zugeschnitten Emotionalität, Aktivität oder Abenteuer bestehen. Eine Entwicklung zu Billig- und auf der anderen Seite zu Luxusangeboten wird erwartet. Diese Individualreisen werden verstärkt gesundheits- und erlebnisorientiert angeboten. Auch der Bildungs- und Kulturtourismus wird zunehmen, wobei die Gäste den Kontakt mit den Einheimischen suchen werden. Von der Erlebnisgesellschaft geht der Trend hin zur Sinngesellschaft, d.h. individuelle Bedürfnisse sollen befriedigt werden, die Reise soll einen Sinn und Inhalte vermitteln. Kulturtourismus bekommt einen neuen Stellenwert und kann als klimaunabhängiges Angebot eine große Rolle spielen.
5. Demographischer Wandel – Chancen und Risiken bei älterer Bevölkerung
Urlaube mit Kindern nehmen weiter ab, 73,3% der Haushalte fahren ohne Kinder in den Urlaub. Eine Verschiebung der Altersgruppen hin zu älteren Reisenden findet statt. Schon jetzt kann die Zielgruppe „50+“ in mehrere Gruppen unterteilt werden, wie bspw. 21% Macher, 28% passive Ältere, 17% Genießer, 12% Die Geselligen, 11% Die Engagierten, 11% Die Asketen. Diese Entwicklung wird sich in den nächsten Jahrzehnten noch verschärfen. Eine Zunahme der reisenden Singles, kleineren Haushalten, allein reisenden Frauen und Reiseerfahrenen und aktiven Best-Ager wird erwartet. Großeltern, die mit ihren Enkeln in den Urlaub fahren oder Generationen-übergreifende Familien werden vermehrt eine zukünftige Zielgruppe darstellen. Diesem Trend müssen sich touristische Angebote anpassen und hierbei besonders auf die gesundheitlichen Risiken des Klimawandels achten (z.B. Hitzewellen und die ältere Bevölkerung). Die Reisegruppen mit hohem Bildungsniveau sind sich der Problematik des Klimawandels bewusst und können mit entsprechenden Informationen angesprochen werden. Insgesamt ist das Bewusstsein bei Reisenden in Bezug auf Aspekte des Klimawandels jedoch noch sehr gering ausgeprägt. Wie eine aktuelle Studie des Europäischen Tourismus Instituts zeigt, spielt der Umwelt- und Klimaschutz für 93 Prozent der deutschen bei der Reiseplanung keine Rolle beim Sommerurlaub.
6. Neue Zielgruppen
Neue Zielgruppen bilden sich und stellen auf Grund ihres Umweltbewusstseins ein großes Potential dar, welches auf Marketingstrategien zum aktuellen Thema Klimawandel berücksichtigt werden sollte.